WASSERSTOFF: VIEL MEHR ALS NUR EIN HYPE

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Wasserstoff ist für den Klimaschutz unerlässlich. Die Industrie ist bereit für den Auszug aus dem Labor. Aber sind es politische Entscheidungsträger?

Wasserstoff, der durch Elektrolyse mit Strom und Wasser erzeugt wird, ist kein Wundermittel. Aber ohne seinen verstärkten Einsatz wird es nicht möglich sein, die globalen CO2-Emissionen auf das Niveau zu senken, das für die Umwelt notwendig und von der Politik gewünscht ist. Doch aus Sicht der Maschinenbauer sind es gerade die politischen Entscheidungsträger, die sich zurückhalten. Sie haben eine einfache Forderung: "Ohne Wasserstoff und die daraus gewonnenen chemischen Energieträger ist ein weltweiter Klimaschutz nicht möglich. Die Wasserstofftechnologie ist bereit, aus dem Labor auszubrechen und in die tägliche Praxis zu gehen. Die Bundesregierung muss daher ihre Strategie schnell mit konkreten Maßnahmen zur Markteinführung dieser Technologie aktualisieren." Das sind die Worte des stellvertretenden VDMA-Geschäftsführers Hartmut Rauen. Schließlich fehlt nicht nur die Infrastruktur für die neuen Lieferketten.

Die Vorteile von Wasserstoff liegen auf der Hand. Power-to-X-Technologien, die Strom in Gas oder flüssige Brennstoffe umwandeln, ermöglichen die großflächige Nutzung erneuerbarer Energien in den Bereichen Wärme, Mobilität und Industrie. Wasserstoff kann die CO2-Emissionen in der Stahlproduktion senken, ebenso wie synthetische, klimaneutrale Kraftstoffe den CO2-Fußabdruck von Autos, Lastwagen, Schiffen und Flugzeugen reduzieren können. Anja Karliczek, Bundesministerin für Bildung und Forschung, nennt es "das Rohöl von morgen".

Wasserstoff stellt eine enorme Chance für die europäische Maschinenbauindustrie dar.

Obwohl die Technologie immer noch teurer ist als herkömmliche Kraftstoffe und bei der Umwandlung viel Energie verloren geht, stellt sie bereits heute eine enorme Chance für den europäischen Maschinenbau dar. Die internationale Entwicklung bei batteriebetriebenen Motoren hat viele deutsche Maschinenbauer gewarnt, die zusehen mussten, wie andere Länder voranschlugen.

Vor allem mittelständische Unternehmen haben nun die Möglichkeit, sich als Anbieter und Exporteur international zu profilieren, insbesondere in der erforderlichen Prozesstechnik. Sie entwickeln seit langem die notwendigen Wärmespeicher, Speichertechnologien für Gas, LNG und Öl, Systeme für Wasserstoff und Methanol sowie Elektrolyse- und Methanisierungssysteme. Das deutsche Portfolio reicht von Gasbehandlungssystemen und der erforderlichen Tankstellentechnik bis hin zu Komponenten wie Wärmetauschern, Pumpen, Ventilen und Filtrationssystemen.

All diese Technologien werden in den nächsten Jahren weltweit sehr gefragt sein.

Regierungen aus China, Japan und Korea haben alle umfangreiche Arbeiten angekündigt, um die Weichen für die Wasserstoffnutzung in den nächsten zwei Jahren zu stellen. Wasserstoff wird auch für Schwellenländer wichtig werden, die erst jetzt ihre Energieversorgungssysteme aufbauen. Gleichzeitig sichert die Wasserstoffversorgung Arbeitsplätze. Darüber hinaus haben deutlich mehr Länder den Bedarf an Wind- oder Sonnenenergie als Erdöl. Und mittelfristig könnte Wasserstoff auch für die Staaten im Nahen Osten, die derzeit noch Rohöl exportieren, wichtig werden, da die Nachfrage nach ihrem schwarzen Gold sinken wird. Der Weltenergierat hat bereits seine Prognose abgegeben, woher der Wasserstoff der Zukunft kommen könnte: Norwegen, Saudi-Arabien, Chile und Australien.

Von den Investitionen in Maschinen und Anlagen werden zuverlässige Ergebnisse erwartet. Auch Hightech-Länder wie Deutschland werden den Import von Wasserstoff nicht vermeiden können, da sie auch langfristig mehr Energie verbrauchen, als sie selbst aus erneuerbaren Quellen erzeugen können.

"Globaler Klimaschutz ist ohne Wasserstoff nicht möglich"

VDMA-Experte Rauen sieht die weltweit steigende Nachfrage nach Wasserstoff als existenzielle Frage: "Globaler Klimaschutz ist ohne Wasserstoff und die daraus gewonnenen chemischen Energieträger nicht möglich."

Derzeit ist Europa bei der erforderlichen Technologie noch immer führend. Aber der Markt steckt noch in den Kinderschuhen. Nach Angaben des Beratungsunternehmens E4tech wurden 2018 weltweit 74.000 Brennstoffzellensysteme ausgeliefert. Das entspricht nur rund 800 Megawatt elektrischer Leistung.

"Wir brauchen politische Anreize, um die Nutzung der Wasserstofftechnologie sinnvoller zu gestalten", sagt Dr. Carola Kantz, stellvertretende Geschäftsführerin der Arbeitsgruppe Power-to-X for Applications im VDMA. Es geht nicht nur um den technischen Fortschritt, sondern auch um die Kosten im Vergleich zu den fossilen Brennstoffen: "Wir meinen nicht höhere Subventionen. Wir glauben an das Produkt und sein Potenzial im industriellen Maßstab." Um dies zu erreichen, fordert der VDMA gleiche Wettbewerbsbedingungen bei den regulatorischen Rahmenbedingungen. Die Technologie darf bei Steuern und Abgaben nicht im Vergleich zu anderen Klimaschutzoptionen im Nachteil sein.

Um einen effektiveren Markteintritt zu ermöglichen, wäre es auch sinnvoll, die europäische Richtlinie über erneuerbare Energien (RED II) schnell in nationales Recht umzusetzen. Der VDMA fordert neben vielen anderen deutschen Wirtschaftsverbänden, dass RED II bis 2030 einen Anteil erneuerbarer Energien im Verkehrsbereich von 20 Prozent vorgibt. Kantz bedauert auch, dass es derzeit kein europaweites Zertifizierungssystem für Wasserstoff und die daraus erzeugten E-Kraftstoffe und E-Gase gibt. Dennoch ist der engagierte Wasserstoffanhänger mit den Entwicklungen bis 2019 zufrieden: "In ganz Europa hat sich viel getan. Selbst Schauspieler, die in der Vergangenheit zögerten, steigen jetzt ein."

Weiterführende Informationen:

VDMA Power-to-X for Applications

HYDROGEN: MUCH MORE THAN JUST A HYPE